Vierundsiebzig Tage sind vergangen, seit er am ersten hängen geblieben ist. Am ersten, der der letzte war.
Der Pinsel streicht über den Stoff. Immer und immer wieder, mit einer Pause dazwischen, streicht er darüber. Eine Pause, um zu verschnaufen, sich zu besinnen, wie der nächste Pinselstrich sein soll? Nein. Bloß, um wieder Farbe aufzunehmen.

Das Licht, viergeteilt durch die Fenstersprossen, fällt konzentriert auf den Fußboden. Blau und Rot leuchtet diese Stelle. Staub und Fusel schweben durch den Raum und lassen die Lichtstrahlen zu Körpern werden. Man wagt es kaum, durch sie hindurchzugehen.
Nichts steht in dem Raum außer einer weißen Leinwand, die an den verdreckten und abbröckelnden Putz gelehnt ist. Mit einem großzügigen Abstand zur Leinwand steht ein Tisch im Schatten des Raumes. Ein einziger Pinsel liegt da, neben ein paar Farbtuben und den Farbkleksen, die hier und da zusammengewachsen und in ihrer Mitte einen neuen Farbton erzeugt haben. Doch anders als der weiße Farbklecks sind alle anderen in ihrer verschmierten Form versteinert.

Wieder drückt er weiße Farbe aus der Tube, auf die ausgetrocknete weiße Farbe vom letzten Tag, und verrührt sie mit dem Pinsel, bis sie die richtige Konsistenz hat. Bevor er zum neuen Strich ausholt, betrachtet er das Bild von weitem. Es ist weiß. Man sieht die Pinselstriche bei genauerem Hinsehen und auch die täglichen Schichten der Farbe. Es ist kein Gegenstand, den er abmalt. Auch keine Landschaft, und es ist kein Porträt. Nach ein paar weiteren Strichen und Flächen steht er wie jeden Abend mit genügend Abstand – als ob es ihn angreifen könnte – davor und starrt darauf. Er war sich sicher, dass jeder Pinselstrich perfekt gesessen hat. Doch irgendetwas war anders als das, was er vor Augen hatte.

In diesen Momenten scheint es, als könne er sehen, wie sich die Lichtkörper bewegen. Immer weiter die Wand hinauf wandern sie. Die Dunkelheit verschlingt das Licht nach und nach, bis es komplett verschwunden ist. Stille und Unbehagen breiten sich aus. Unbehagen, allein mit dem Bild in diesem Raum zu sein.
In dieser Dunkelheit ist das Gemälde plötzlich nicht mehr weiß, und er erkennt nichts mehr darin.
Doch in dieser alles umschlingenden Dunkelheit wird das Bild vor seinen Augen wieder klarer und klarer.
Bevor er genau sehen kann, was erscheint, beginnt es zu regnen.

Die Farben sammeln sich in Tropfen, und die Schwerkraft erledigt den Rest. Unaufhaltsam rennen sie alle nach unten, als würde sie etwas jagen. Manche bleiben auf halber Strecke stehen und werden dann doch von einem anderen Tropfen mitgerissen. Jeder Tropfen trägt etwas mit sich – ein wenig Farbe, ein Rucksack voller Vergangenem. Und Tropfen für Tropfen wird abgetragen, was war, bis am Ende nichts mehr übrig ist.

Die Lichtkörper dringen wieder in den Raum, worauf er allmählich aufwacht. Wischt seine Augen trocken und greift wieder nach Pinsel und Tube. Er fährt fort am fünfundsiebzigsten Tag und malt, was nicht gemalt werden kann.